Ein Nervenreiz wird nicht einfach wie ein elektrisches Signal durch ein Kabel geschoben. Dahinter steckt ein genau abgestimmtes Zusammenspiel aus Membranspannung, Natrium- und Kaliumionen sowie einer kurzen Erholungsphase. Ich zeige dir, wie ein Aktionspotential entsteht, welche Phasen es durchläuft, warum sich die Erregung nur in eine Richtung ausbreitet und weshalb Myelin die Leitung deutlich beschleunigt.
Die wichtigsten Fakten zur elektrischen Erregungsleitung
- Ruhepotential: Eine Nervenzelle liegt meist bei ungefähr -70 mV.
- Schwellenwert: Erst ab etwa -55 mV wird ein vollständiger Nervenimpuls ausgelöst.
- Ionenbewegung: Natriumionen lösen die Depolarisation aus, Kaliumionen stellen die Spannung anschließend wieder her.
- Alles-oder-nichts-Prinzip: Ein Reiz löst entweder ein vollständiges Signal aus oder gar keines.
- Refraktärzeit: Sie verhindert, dass der Impuls zurückläuft, und begrenzt die maximale Signalfrequenz.

Was bei einem Aktionspotential grundsätzlich passiert
Ein Aktionspotential, auch Aktionspotenzial geschrieben, ist eine kurze Änderung der elektrischen Spannung an der Membran einer erregbaren Zelle. Bei Nervenzellen entsteht es meist am Axonhügel oder am Anfang des Axons und wandert anschließend bis zu den Axonendigungen. Dort kann es die Ausschüttung von Botenstoffen an einer Synapse auslösen.
Im Ausgangszustand ist das Zellinnere gegenüber dem Außenraum negativ geladen. Diese Spannungsdifferenz nennt man Ruhepotential. Sie entsteht durch unterschiedliche Ionenkonzentrationen, selektiv durchlässige Membrankanäle und die Natrium-Kalium-Pumpe, die langfristig die Konzentrationsunterschiede aufrechterhält.
Der Schwellenwert entscheidet
Ein schwacher Reiz verändert die Membranspannung zunächst nur örtlich und vorübergehend. Wird dabei der Schwellenwert von ungefähr -55 mV erreicht, öffnen sich viele spannungsabhängige Natriumkanäle. Die Zelle startet dann einen vollständigen Nervenimpuls.
Genau hier liegt ein häufiger Denkfehler. Ein stärkerer Reiz erzeugt nicht automatisch ein höheres Aktionspotenzial. Die Stärke eines Reizes wird bei einer einzelnen Nervenzelle vor allem über die Frequenz der Impulse codiert, also darüber, wie viele Signale pro Sekunde entstehen.
Die Phasen des Nervenimpulses verständlich erklärt
Der Ablauf folgt immer demselben Grundmuster. Die einzelnen Phasen hängen eng zusammen, weil die Öffnung und Schließung der Ionenkanäle die Spannung der Membran laufend verändert.
| Phase | Was passiert? | Spannung und Bedeutung |
|---|---|---|
| Ruhephase | Die Membran befindet sich im Ausgangszustand. | Etwa -70 mV; die Zelle ist grundsätzlich erregbar. |
| Depolarisation | Spannungsabhängige Natriumkanäle öffnen sich, Na+ strömt ein. | Die Spannung steigt schnell an und kann kurz positiv werden. |
| Repolarisation | Natriumkanäle schließen beziehungsweise inaktivieren, Kaliumkanäle öffnen sich. | K+ strömt aus der Zelle, die Spannung fällt wieder ab. |
| Hyperpolarisation | Kaliumkanäle schließen etwas verzögert. | Die Membran wird kurz negativer als das Ruhepotential. |
| Rückkehr zum Ruhepotential | Die ursprüngliche Ionenverteilung wird wieder stabilisiert. | Die Nervenzelle ist erneut vollständig bereit für einen Reiz. |
Depolarisation durch Natriumionen
Wird der Schwellenwert überschritten, öffnen sich die Natriumkanäle sehr schnell. Natriumionen strömen aufgrund des Konzentrations- und Ladungsgefälles in das Axon ein. Das Zellinnere wird dadurch weniger negativ und schließlich kurzzeitig positiv. Diese Aufwärtsbewegung der Spannung heißt Depolarisation.
Repolarisation und kurze Überschwingung
Nach kurzer Zeit werden die Natriumkanäle inaktiviert. Gleichzeitig öffnen sich Kaliumkanäle, sodass Kaliumionen nach außen strömen. Die Membranspannung sinkt wieder in den negativen Bereich. Weil die Kaliumkanäle nicht sofort schließen, fällt sie zunächst etwas zu weit ab. Diese kurze Phase nennt man Hyperpolarisation.
Die Natrium-Kalium-Pumpe stellt nicht nach jedem einzelnen Impuls sofort die gesamte Spannung her. Sie arbeitet vor allem im Hintergrund daran, die langfristigen Konzentrationsunterschiede zu erhalten. Für die schnelle Form des Signals sind in erster Linie die spannungsabhängigen Ionenkanäle verantwortlich.
Warum sich die Erregung nur in eine Richtung ausbreitet
Ein gerade erregter Membranabschnitt kann nicht unmittelbar erneut dasselbe Signal erzeugen. Während der absoluten Refraktärzeit sind die Natriumkanäle inaktiviert. Selbst ein sehr starker Reiz kann in diesem kurzen Zeitraum kein neues Aktionspotenzial auslösen.
Danach folgt die relative Refraktärzeit. Die Zelle ist dann wieder erregbar, benötigt aber einen stärkeren Reiz, weil sich die Membran noch in der Hyperpolarisation befindet. Je nach Zelltyp dauert die gesamte Erholungsphase nur wenige Millisekunden.
Für die Fortleitung hat das eine wichtige Konsequenz. Der Bereich hinter der Erregungsfront ist vorübergehend blockiert, während der benachbarte Bereich vor ihr den Schwellenwert erreichen kann. Der Impuls läuft deshalb vom Axonhügel in Richtung Axonende und nicht wieder zurück.
Ich finde diese Refraktärzeit besonders hilfreich, um die Richtung der Erregungsleitung zu verstehen. Die Richtung wird nicht durch eine unsichtbare Einbahnstraße im Axon festgelegt, sondern durch den zeitlichen Zustand der Membranabschnitte.
Kontinuierliche und saltatorische Erregungsleitung im Vergleich
Wie schnell ein Signal ankommt, hängt stark davon ab, ob das Axon von einer Myelinscheide umgeben ist. Myelin wirkt wie eine elektrische Isolierung. Bei Wirbeltieren wird es von Gliazellen gebildet, im peripheren Nervensystem vor allem von Schwann-Zellen und im zentralen Nervensystem von Oligodendrozyten.
| Merkmal | Kontinuierliche Erregungsleitung | Saltatorische Erregungsleitung |
|---|---|---|
| Axon | Unmyelinisiert oder nur schwach isoliert | Von einer Myelinscheide umgeben |
| Ort der Neubildung | An vielen aufeinanderfolgenden Membranabschnitten | Vor allem an den Ranvier-Schnürringen |
| Geschwindigkeit | Meist ungefähr 0,5 bis 2 m/s | Je nach Faser bis etwa 120 m/s |
| Energieaufwand | Höher, weil mehr Membranabschnitte aktiv werden | Niedriger, weil die Erregung zwischen den Knoten passiv weiterläuft |
Lesen Sie auch: See-Ökosystem - So funktioniert ein See wirklich!
Was an den Ranvier-Schnürringen passiert
Die Myelinscheide bedeckt große Teile des Axons, lässt aber kleine Lücken frei. Diese Lücken heißen Ranvier-Schnürringe. Nur dort befinden sich besonders viele spannungsabhängige Natriumkanäle. Die elektrische Erregung scheint deshalb von einem Schnürring zum nächsten zu springen.
Ganz wörtlich springt der Strom allerdings nicht über den Zwischenraum. Unter der isolierenden Myelinschicht breitet sich die Spannungsänderung schnell und passiv aus. Am nächsten Schnürring wird der Schwellenwert erreicht und ein neues Aktionspotenzial ausgelöst. Das spart Zeit und Energie.
Eine dickere Myelinschicht und ein größerer Axondurchmesser können die Leitung beschleunigen. Das bedeutet aber nicht, dass jede größere Nervenfaser automatisch schneller arbeitet. Entscheidend ist das Zusammenspiel aus Myelinisierung, Membraneigenschaften und Axondurchmesser.
Typische Fehler beim Lernen und wie du sie vermeidest
Beim Lernen wird der Ablauf oft als reine Liste von Fachbegriffen auswendig gelernt. Das funktioniert für eine kurze Abfrage, hilft aber wenig, sobald eine Abbildung oder ein unbekannter Versuch erklärt werden soll. Ich würde deshalb immer zuerst fragen, welcher Ionenkanal gerade geöffnet oder inaktiviert ist.
- „Ein stärkerer Reiz erzeugt ein größeres Signal“: Falsch. Oberhalb des Schwellenwerts gilt das Alles-oder-nichts-Prinzip. Ein stärkerer Reiz kann aber mehr Impulse pro Zeit auslösen.
- „Die Natrium-Kalium-Pumpe verursacht direkt die Spitze“: Zu ungenau. Die schnelle Spannungsschwankung entsteht hauptsächlich durch spannungsabhängige Natrium- und Kaliumkanäle.
- „Myelin erzeugt das Signal überall neu“: Falsch. Bei der saltatorischen Leitung wird das Signal vor allem an den Schnürringen aktiv erneuert.
- „Die Erregung läuft wegen der Synapse nur nach vorne“: Das erklärt die Leitung im Axon nicht. Entscheidend ist dort die Refraktärzeit der bereits erregten Membran.
- „Depolarisation bedeutet immer eine negative Spannung“: Nein. Depolarisation beschreibt zunächst die Verringerung der negativen Spannung. Die Membran kann dabei kurz positiv werden.
Bei einer Zeichnung des Verlaufs genügt oft eine klare Reihenfolge. Markiere das Ruhepotential, den Schwellenwert, den Natriumeinstrom, die Kaliumausströmung und die Refraktärzeit. So wird aus einer Kurve eine nachvollziehbare Geschichte statt einer Ansammlung von Zahlen.
Der Lernkern, der bei jeder Prüfung hilft
Merke dir den Vorgang als kurze Kette: Schwellenwert überschritten, Natrium hinein, Kalium hinaus, kurze Erholung. Daraus ergeben sich Depolarisation, Repolarisation und Hyperpolarisation fast automatisch.
Für die Fortleitung reichen zwei weitere Gedanken. Die Refraktärzeit sorgt für die Richtung, die Myelinscheide sorgt für die Geschwindigkeit. Wer diese beiden Zusammenhänge verstanden hat, kann auch neue Abbildungen und Versuchsbeschreibungen meist sicher erklären.