Sobald in einer Ableitungsaufgabe zwei Funktionen miteinander multipliziert werden, reicht die Potenzregel allein nicht mehr aus. Die Produktregel zeigt, wie du solche Terme sicher ableitest, welche Reihenfolge sich bewährt und warum typische Kurzfehler zu falschen Ergebnissen führen. Ich erkläre die Formel Schritt für Schritt und rechne Beispiele mit Polynomen, Exponentialfunktionen und trigonometrischen Funktionen durch.
Mit zwei Ableitungen zum richtigen Ergebnis
- Formel: Erstes Produkt aus erster Ableitung und zweitem Faktor plus erstes Produkt aus erstem Faktor und zweiter Ableitung.
- Merksatz: Nur einen Faktor ableiten, den anderen jeweils stehen lassen.
- Prüfung: Vor dem Rechnen kontrollieren, ob Ausmultiplizieren einfacher wäre.
- Typischer Fehler: Beide Faktoren abzuleiten und nur miteinander zu multiplizieren.
- Kombination: Bei inneren Funktionen brauchst du zusätzlich die Kettenregel.

Wann du diese Ableitungsregel brauchst
Die Regel kommt immer dann ins Spiel, wenn eine Funktion aus zwei veränderlichen Faktoren besteht. Allgemein sieht das so aus: f(x) = u(x) · v(x). Dabei können die Faktoren Polynome, Wurzeln, Logarithmen, Exponentialfunktionen oder trigonometrische Funktionen sein.
Der entscheidende Punkt ist, dass sich beide Faktoren verändern können. Deshalb reicht es nicht, nur einen Teil zu differenzieren. Genau diese gleichzeitige Veränderung macht die Ableitung eines Produkts anspruchsvoller als die Ableitung einer Summe.
Ich prüfe vor der Anwendung trotzdem kurz, ob sich der Term vereinfachen lässt. Bei f(x) = x · (x + 3) ist Ausmultiplizieren oft schneller. Bei f(x) = x² · ex bleibt die Produktregel dagegen die deutlich übersichtlichere Wahl.
Die Formel einfach und sicher anwenden
Für zwei differenzierbare Funktionen gilt:
f'(x) = u'(x) · v(x) + u(x) · v'(x)
In Worten bedeutet das: Du leitest zuerst den linken Faktor ab und lässt den rechten unverändert. Danach lässt du den linken Faktor unverändert und leitest den rechten ab. Beide Ergebnisse werden addiert.
- Teile den Funktionsterm in u(x) und v(x).
- Bilde u'(x) und v'(x).
- Setze alles in die Formel ein.
- Vereinfache erst am Ende.
Der häufig verwendete Merksatz lautet: „Erste abgeleitet mal zweite plus erste mal zweite abgeleitet.“ Ich schreibe die beiden Terme anfangs bewusst getrennt auf. Das dauert wenige Sekunden und verhindert, dass ein Faktor oder das Pluszeichen verloren geht.
Warum die beiden Summanden nötig sind
Stell dir ein Rechteck mit der Fläche A(x) = u(x) · v(x) vor. Wenn sich die Länge verändert, ändert sich die Fläche. Wenn sich gleichzeitig die Breite verändert, kommt eine zweite Änderung hinzu. Die Produktregel erfasst genau diese beiden Beiträge.
Mathematisch folgt sie aus dem Grenzwert der Änderungsrate. Für Schulaufgaben reicht jedoch meist das Verständnis, dass beide Faktoren einzeln zur Veränderung beitragen.
Beispiele mit vollständigem Rechenweg
Zwei Polynomfaktoren
Gegeben ist:
f(x) = x² · (3x - 5)
Wir wählen u(x) = x² und v(x) = 3x - 5. Damit sind u'(x) = 2x und v'(x) = 3.
Jetzt setzen wir ein:
f'(x) = 2x · (3x - 5) + x² · 3
Nach dem Ausmultiplizieren ergibt sich:
f'(x) = 6x² - 10x + 3x² = 9x² - 10x
Dieses Beispiel zeigt auch eine sinnvolle Kontrolle. Durch Ausmultiplizieren erhältst du zuerst f(x) = 3x³ - 5x². Die Potenzregel liefert ebenfalls f'(x) = 9x² - 10x. Stimmen beide Wege überein, ist das Ergebnis gut geprüft.
Ein Polynom mit einer Exponentialfunktion
Betrachte:
g(x) = x² · ex
Hier gilt u'(x) = 2x und v'(x) = ex. Die Regel liefert:
g'(x) = 2x · ex + x² · ex
Da beide Summanden den Faktor ex enthalten, kannst du ausklammern:
g'(x) = ex · (2x + x²)
Ich würde die ausgeklammerte Form bevorzugen, weil sie bei weiteren Aufgaben, etwa bei der Untersuchung von Nullstellen oder Extrempunkten, meist leichter weiterzuverarbeiten ist.
Ein Beispiel mit Sinus und Cosinus
Für h(x) = sin(x) · cos(x) gilt:
u'(x) = cos(x) und v'(x) = -sin(x).
Damit folgt:
h'(x) = cos(x) · cos(x) + sin(x) · (-sin(x))
Also:
h'(x) = cos²(x) - sin²(x)
Hier ist besonders das negative Vorzeichen wichtig. Es entsteht, weil die Ableitung von cos(x) gleich -sin(x) ist. Solche Vorzeichenfehler sehe ich in Übungen deutlich häufiger als Rechenfehler bei den Potenzen.
Produktregel, Kettenregel oder Ausmultiplizieren
Nicht jeder Term mit mehreren Faktoren verlangt automatisch dieselbe Vorgehensweise. Die folgende Übersicht hilft bei der Entscheidung:
| Struktur | Geeignete Regel | Beispiel |
|---|---|---|
| Summe oder Differenz | Summen- oder Differenzregel | x² + sin(x) |
| Konstante mal Funktion | Faktorregel | 4x³ |
| Zwei veränderliche Faktoren | Produktregel | x² · ex |
| Funktion in einer Funktion | Kettenregel | sin(x²) |
| Quotient aus Funktionen | Quotientenregel | x² / (x + 1) |
Ein Produkt kann zusätzlich eine innere Funktion enthalten. Bei f(x) = x² · sin(3x) brauchst du daher beides. Für den Sinus gilt wegen der inneren Funktion 3x die Kettenregel, sodass v'(x) = 3 · cos(3x) lautet.
Dann erhältst du:
f'(x) = 2x · sin(3x) + x² · 3cos(3x)
Ausmultiplizieren ist vor allem bei einfachen Polynomen eine gute Alternative. Bei Produkten mit e-Funktionen, Logarithmen oder trigonometrischen Funktionen wird das Auflösen der Klammern dagegen schnell unübersichtlich und bringt selten einen Vorteil.
Typische Fehler und eine zuverlässige Kontrolle
Beide Faktoren gleichzeitig ableiten
Falsch wäre:
f'(x) = u'(x) · v'(x)
Diese Schreibweise berücksichtigt nur eine von mehreren Veränderungen. Richtig sind immer zwei Summanden, sofern beide Faktoren von x abhängen.
Das Pluszeichen vergessen
Auch der Ausdruck u'(x) · v(x) - u(x) · v'(x) ist bei einem Produkt falsch. Das Minuszeichen gehört zur Quotientenregel, nicht zur Produktregel. Ich markiere das Plus deshalb beim Einsetzen kurz, bevor ich weiterrechne.
Den unveränderten Faktor nicht stehen lassen
Im ersten Summanden bleibt v(x) unverändert. Im zweiten bleibt u(x) unverändert. Wer beide Faktoren in jedem Summanden ableitet, verliert genau den Teil der Information, den die Regel bewahren soll.
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Das Ergebnis nicht vereinfachen
Ein Ausdruck wie 2x · (x + 1) + x² · 1 kann zwar formal richtig sein, ist aber selten die gewünschte Endform. Multipliziere aus oder klammere gemeinsame Faktoren aus, damit du später leichter weiterarbeiten kannst.
Zur Kontrolle gibt es drei gute Wege. Du kannst den Term ausmultiplizieren, eine zweite Ableitungsmethode prüfen, sofern sie möglich ist, oder das Ergebnis an einem einfachen Wert wie x = 1 vergleichen. Eine kurze Probe spart in Klausuren oft mehr Zeit, als sie kostet.
Mehr als zwei Faktoren ableiten
Bei drei Faktoren wendest du die Regel schrittweise an. Für f(x) = u(x) · v(x) · w(x) lautet das Ergebnis:
f'(x) = u'(x) · v(x) · w(x) + u(x) · v'(x) · w(x) + u(x) · v(x) · w'(x)
Das Muster bleibt gleich: In jedem Summanden wird genau ein Faktor abgeleitet, während alle anderen unverändert bleiben. Bei vier oder mehr Faktoren wird die ausgeschriebene Form schnell lang. Dann fasse ich zunächst zwei Faktoren zusammen und arbeite mit Zwischenschritten, statt alles auf einmal zu notieren.
Eine wichtige Ausnahme ist ein konstanter Faktor. Bei f(x) = 5 · x² · sin(x) musst du die 5 nicht als eigenen veränderlichen Faktor behandeln. Sie bleibt als Faktor vor der Ableitung stehen. Das ist die Faktorregel und macht die Rechnung kürzer.
Die kleine Checkliste für die nächste Ableitung
Markiere zuerst die Faktoren und schreibe ihre Ableitungen getrennt daneben. Setze danach die Struktur abgeleitet · unverändert + unverändert · abgeleitet ein und vereinfache erst im letzten Schritt.
Wenn du unsicher bist, frage dich: Kann ich den Term einfach ausmultiplizieren? Falls ja, vergleiche beide Wege. Falls nein, ist die systematisch aufgeschriebene Produktregel meistens der sicherste Weg zum Ergebnis.
Wer diese Reihenfolge konsequent einhält, muss die Regel nicht blind auswendig lernen. Entscheidend ist das Muster dahinter: Ein Produkt verändert sich durch jeden seiner Faktoren, und die Ableitung sammelt diese einzelnen Veränderungen in einer Summe.