Wie wahrscheinlich ist ein Ereignis, wenn bereits eine bestimmte Information bekannt ist? Genau diese Frage beantwortet die bedingte Wahrscheinlichkeit. Ich zeige dir die Grundidee, die wichtigste Formel, verständliche Rechenwege mit Baumdiagramm und Vierfeldertafel sowie typische Fehler bei Aufgaben zu Abhängigkeit und Unabhängigkeit.
Die wichtigsten Regeln auf einen Blick
- Definition: Gesucht wird die Wahrscheinlichkeit von A unter der Voraussetzung, dass B bereits eingetreten ist.
- Formel: P(A | B) = P(A ∩ B) / P(B), sofern P(B) größer als 0 ist.
- Baumdiagramm: Entlang eines Pfades werden Wahrscheinlichkeiten multipliziert.
- Unabhängigkeit: Die Bedingung B verändert P(A) nicht, wenn A und B unabhängig sind.
- Wichtigster Denkfehler: P(A | B) und P(B | A) sind normalerweise nicht gleich.
Was eine Wahrscheinlichkeit unter einer Bedingung bedeutet
Bei einer normalen Wahrscheinlichkeit betrachtet man alle möglichen Ergebnisse. Bei einer bedingten Wahrscheinlichkeit wird die betrachtete Menge dagegen eingeschränkt. Ich stelle mir dabei vor, dass zunächst bekannt ist, dass B eingetreten ist. Innerhalb dieser neuen Situation frage ich dann, wie wahrscheinlich A noch ist.
Schreibt man „A unter der Bedingung B“, lautet die mathematische Schreibweise P(A | B). Der senkrechte Strich bedeutet nicht „geteilt durch“, sondern „unter der Voraussetzung, dass“. Die Bedingung ist nur sinnvoll, wenn P(B) > 0 gilt, denn ein unmögliches Ereignis kann keine Grundlage für eine neue Wahrscheinlichkeit sein.
Ein einfaches Würfelbeispiel
Ein fairer Würfel wird einmal geworfen. Ohne Zusatzinformation beträgt die Wahrscheinlichkeit für eine gerade Zahl 3/6 = 1/2. Wissen wir aber bereits, dass eine Zahl größer als 3 gefallen ist, bleiben nur 4, 5 und 6 übrig. Unter dieser Bedingung sind zwei der drei Ergebnisse gerade.
Damit ergibt sich P gerade | Zahl größer als 3 = 2/3. Die Information über den Würfelwurf hat den Bezugsraum verändert. Genau darin liegt der Kern des Konzepts.
Mit der Formel sicher rechnen
Die Standardformel lautet:
P(A | B) = P(A ∩ B) / P(B)
Das Zeichen ∩ bedeutet, dass beide Ereignisse gleichzeitig eintreten. Für die Rechnung brauchst du also zuerst die Wahrscheinlichkeit von A und B gemeinsam und teilst sie anschließend durch die Wahrscheinlichkeit der Bedingung B.
Beispiel mit einer Kartenmenge
Aus einem Kartensatz mit 10 Karten sind 6 Karten rot. Von diesen roten Karten tragen 3 eine Zahl. Gesucht ist die Wahrscheinlichkeit, eine Zahlenkarte zu ziehen, wenn bereits bekannt ist, dass die Karte rot ist.
- P(Zahlenkarte und rot) = 3/10
- P(rot) = 6/10
- P(Zahlenkarte | rot) = (3/10) / (6/10) = 1/2
Unter den roten Karten gibt es 3 Zahlenkarten von insgesamt 6 roten Karten. Der Bruch 3/6 ist deshalb oft anschaulicher als die ursprüngliche Formel. Ich prüfe bei solchen Aufgaben immer zuerst, welche Ergebnisse nach der Bedingung überhaupt noch übrig bleiben.
Der Produktsatz als Umkehrung
Formt man die Grundformel um, erhält man den Produktsatz:
P(A ∩ B) = P(A | B) · P(B)
Diese Form ist besonders nützlich, wenn ein gemeinsamer Pfad berechnet werden soll. Sie sagt: Die Wahrscheinlichkeit für B wird mit der Wahrscheinlichkeit für A unter dieser Bedingung multipliziert.
Baumdiagramme machen die Rechnung sichtbar

Bei mehrstufigen Zufallsexperimenten ist ein Baumdiagramm oft der schnellste Weg. Jede Verzweigung zeigt eine mögliche Entwicklung, und jede Kante trägt ihre eigene Wahrscheinlichkeit. Ein vollständiger Weg durch den Baum beschreibt eine Kombination von Ereignissen.
Für einen einzelnen Pfad gilt die 1. Pfadregel: Wahrscheinlichkeiten entlang des Weges werden multipliziert. Führen mehrere Wege zum gesuchten Ergebnis, werden ihre Pfadwahrscheinlichkeiten mit der 2. Pfadregel addiert.
Beispiel mit zwei Ziehungen ohne Zurücklegen
In einer Urne liegen 3 rote und 2 blaue Kugeln. Es werden zwei Kugeln ohne Zurücklegen gezogen. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass die zweite Kugel rot ist, wenn die erste Kugel blau war?
Nach einer blauen Kugel bleiben 3 rote und 1 blaue Kugel übrig. Deshalb lautet die gesuchte Wahrscheinlichkeit direkt 3/4. Im Baumdiagramm entspricht das dem roten zweiten Ast nach dem ersten Ast „blau“.
Ohne die Bedingung wäre die Wahrscheinlichkeit für Rot bei der ersten Ziehung 3/5. Bei der zweiten Ziehung hängt das Ergebnis jedoch davon ab, was zuvor passiert ist. Genau daran erkennst du, dass die Ziehungen nicht unabhängig sind.
Vierfeldertafeln als Alternative
Wenn zwei Merkmale gleichzeitig betrachtet werden, ist eine Vierfeldertafel oft übersichtlicher als ein Baumdiagramm. Sie ordnet die Fälle „A und B“, „A und nicht B“, „nicht A und B“ sowie „nicht A und nicht B“.
| B | nicht B | Summe | |
|---|---|---|---|
| A | A ∩ B | A ∩ nicht B | P(A) |
| nicht A | nicht A ∩ B | nicht A ∩ nicht B | P(nicht A) |
| Summe | P(B) | P(nicht B) | 1 |
Für P(A | B) schaust du nur in die Spalte B. Der passende Anteil ist A ∩ B geteilt durch B. Bei Umfragen, Testergebnissen oder statistischen Daten ist diese Darstellung besonders praktisch.
Abhängigkeit und Unabhängigkeit richtig unterscheiden
Zwei Ereignisse sind unabhängig, wenn das Eintreten des einen Ereignisses die Wahrscheinlichkeit des anderen nicht verändert. Dann gilt beispielsweise P(A | B) = P(A). Außerdem kann man schreiben: P(A ∩ B) = P(A) · P(B).
Ein Münzwurf beeinflusst etwa den nächsten Würfelwurf nicht. Die Ergebnisse sind unabhängig, solange die Zufallsexperimente tatsächlich getrennt voneinander durchgeführt werden. Bei Ziehungen ohne Zurücklegen, Wetterdaten oder medizinischen Tests ist eine Abhängigkeit dagegen häufig realistisch.
| Situation | Typische Einordnung | Grund |
|---|---|---|
| Münze und Würfel | unabhängig | Das eine Experiment verändert das andere nicht. |
| Ziehen ohne Zurücklegen | abhängig | Die Zusammensetzung verändert sich nach jedem Zug. |
| Ziehen mit Zurücklegen | meist unabhängig | Nach jedem Zug gelten wieder dieselben Bedingungen. |
Der häufigste Fehler besteht darin, automatisch mit P(A) · P(B) zu rechnen. Das ist nur erlaubt, wenn Unabhängigkeit gegeben ist oder nachgewiesen wurde. Ich frage mich deshalb vor jeder Multiplikation, ob ein vorheriges Ergebnis die nächste Wahrscheinlichkeit verändert.
Warum die Richtung der Bedingung entscheidend ist
Die Ausdrücke P(A | B) und P(B | A) sehen ähnlich aus, beantworten aber verschiedene Fragen. P(A | B) untersucht A innerhalb der Fälle, in denen B gilt. P(B | A) betrachtet dagegen B innerhalb der Fälle, in denen A gilt.
Ein Beispiel macht den Unterschied deutlich. Angenommen, 1 % der Bevölkerung hat eine bestimmte Krankheit. Ein Test erkennt Erkrankte mit 99 % Wahrscheinlichkeit, liefert aber bei 5 % der gesunden Personen ebenfalls ein positives Ergebnis.
Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Person krank ist, wenn der Test positiv ausfällt, ist dann nicht automatisch 99 %. Von 10.000 Personen wären ungefähr 100 krank, davon etwa 99 positiv getestet. Von 9.900 gesunden Personen erhielten zusätzlich etwa 495 ein falsches positives Ergebnis. Unter den insgesamt rund 594 positiven Ergebnissen wären also etwa 99 tatsächlich krank, also ungefähr 16,7 %.
Dieses Ergebnis wirkt zunächst überraschend, zeigt aber die Bedeutung der Grundwahrscheinlichkeit. Der Satz von Bayes hilft dabei, die Richtung einer bedingten Wahrscheinlichkeit korrekt umzudrehen. In Schulaufgaben reicht oft eine Vierfeldertafel, um diese Fälle übersichtlich zu berechnen.
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Typische Fehler bei Aufgaben
- Die Bedingung übersehen: Der Bezugsraum wird nicht auf B eingeschränkt.
- Die Richtung vertauschen: P(A | B) wird mit P(B | A) gleichgesetzt.
- Unabhängigkeit annehmen: Besonders bei Ziehungen ohne Zurücklegen ist das meist falsch.
- Pfadwahrscheinlichkeiten addieren: Entlang eines Weges wird multipliziert, nur verschiedene passende Wege werden addiert.
- Durch null teilen: Eine Bedingung mit P(B) = 0 ist nicht zulässig.
So gehst du bei jeder Aufgabe systematisch vor
Ich empfehle einen festen Ablauf, weil dadurch auch längere Aufgaben überschaubar bleiben:
- Definiere die Ereignisse A und B in Worten.
- Markiere, welches Ereignis die Bedingung darstellt.
- Prüfe, ob B überhaupt möglich ist und ob sich der Bezugsraum verändert.
- Wähle das passende Hilfsmittel: Formel, Baumdiagramm oder Vierfeldertafel.
- Berechne zuerst gemeinsame Wahrscheinlichkeiten und teile erst danach durch P(B), falls die Grundformel verwendet wird.
- Prüfe, ob das Ergebnis zwischen 0 und 1 liegt und zur Situation passt.
Gerade der letzte Schritt wird oft unterschätzt. Wenn eine Bedingung die möglichen Fälle stark einschränkt, darf das Ergebnis deutlich größer oder kleiner als die ursprüngliche Wahrscheinlichkeit sein. Es muss aber immer eine gültige Wahrscheinlichkeit zwischen 0 % und 100 % bleiben.
Der schnelle Kontrollblick für deine nächste Aufgabe
Die entscheidende Frage lautet immer: Welche Informationen sind bereits bekannt? Erst danach bestimmst du, welche Ergebnisse noch zum Bezugsraum gehören. Diese kleine gedankliche Pause verhindert viele Rechenfehler.
Wenn du unsicher bist, zeichne ein Baumdiagramm oder fülle eine Vierfeldertafel aus. Für einfache Aufgaben genügt die Formel, bei mehreren Bedingungen macht eine Darstellung die Abhängigkeiten aber oft sofort sichtbar.
Wer zusätzlich prüft, ob Ereignisse unabhängig sind und ob die Richtung von P(A | B) stimmt, beherrscht den wichtigsten Teil der bedingten Wahrscheinlichkeiten bereits sicher.