Wer „Abitur“ sagt, meint heute meist den Schulabschluss mit allgemeiner Hochschulreife. Sprachgeschichtlich steckt dahinter jedoch die Idee des Weggehens von der Schule. Ich zeige, wie sich der Begriff aus dem Lateinischen entwickelte, wann er in den deutschen Bildungswortschatz gelangte und warum „Reifeprüfung“ und „Abitur“ nicht genau dasselbe bedeuten.
Die wichtigsten Fakten zur Herkunft des Begriffs
- Lateinischer Ursprung: Das Wort geht auf abire für „weggehen“ zurück.
- Ursprüngliche Vorstellung: Gemeint war jemand, der die Schule verlassen wird.
- Zwischenform: Aus abiturium entwickelte sich die heutige Kurzform „Abitur“.
- Deutsche Bildungssprache: Der Begriff verbreitete sich vor allem im 18. und 19. Jahrhundert.
- Heutige Bedeutung: Das Abitur bezeichnet die Reifeprüfung und die damit verbundene allgemeine Hochschulreife.
Was bedeutet Abitur ursprünglich?
Die direkte Antwort ist überraschend anschaulich. Abitur hängt mit dem lateinischen „abire“ zusammen, also mit „weggehen“, „fortgehen“ oder „abgehen“. Die ursprüngliche Bedeutung zielte deshalb nicht auf eine Prüfung als solche, sondern auf den Schüler, der seine Schule verlassen und den nächsten Bildungsabschnitt beginnen wird.
Sprachlich steht dahinter das neulateinische abiturire, das ungefähr „weggehen wollen“ oder „fortgehen werden“ bedeutet. Außerdem spielt abiturus eine Rolle. Das ist das lateinische Partizip Futur von abire und lässt sich mit „derjenige, der weggehen wird“ übersetzen.
Ich finde gerade diesen Punkt wichtig, weil die heutige Bedeutung leicht zu einer falschen Erklärung führt. „Abitur“ bedeutet nicht wörtlich „Reife“ und auch nicht „gute Noten“. Der Begriff beschreibt ursprünglich vielmehr den Übergang aus der Schule hinaus.
Wie aus Latein ein deutsches Schulwort wurde
Im Bildungswesen des 18. und 19. Jahrhunderts war Latein noch stark präsent. Viele Fachbegriffe wurden nicht aus dem Deutschen gebildet, sondern nach lateinischen Mustern geschaffen. So entstand zunächst die längere Form Abiturium, die als Bezeichnung für eine Abschluss- oder Abgangsprüfung verwendet wurde.
Die Entwicklung lässt sich vereinfacht so darstellen:
| Sprachliche Form | Bedeutung | Rolle in der Entwicklung |
|---|---|---|
| abire | weggehen, fortgehen | Lateinisches Ausgangsverb |
| abiturus | der Weggehende, der gehen wird | Bezug zum künftigen Schulabgang |
| abiturium | Abgangs- oder Reifeprüfung | Ältere gelehrte Bezeichnung |
| Abitur | Reifeprüfung | Verkürzte deutsche Form |
Die Bezeichnung Abiturient kam im 18. Jahrhundert in den deutschen Sprachgebrauch. Sie meinte zunächst einen Schüler, der die Schule verlassen würde. Aus Wendungen wie „Abiturienten-Examen“ entwickelte sich später die kürzere Form „Abiturium“, daraus wiederum „Abitur“.
Bei historischen Datierungen findet man leichte Unterschiede. Das liegt daran, dass ein Wort nicht an einem einzigen Tag entsteht. Während die gelehrte Form bereits um 1800 im deutschen Bildungswortschatz auftauchte, ist die Kurzform „Abitur“ besonders im 19. Jahrhundert belegt und setzte sich danach immer stärker durch.
Warum das Abitur nicht einfach „Reife“ bedeutet
Heute wird das Abitur oft als Reifeprüfung bezeichnet. Das passt zur Funktion des Abschlusses, ist aber nicht die eigentliche Wortbedeutung. „Reife“ beschreibt, dass ein Schüler bestimmte Kenntnisse und Fähigkeiten für ein Studium erworben hat. „Abitur“ verweist dagegen auf den Abschluss des Schulbesuchs und den Wechsel in eine neue Lebensphase.
Ein ähnlicher Unterschied zeigt sich beim Wort Matura, das in Österreich, der Schweiz und weiteren Ländern des deutschen Sprachraums gebräuchlich ist. Es geht auf das lateinische maturus zurück, also auf „reif“ oder „ausgereift“. Beide Begriffe bezeichnen heute vergleichbare Bildungsabschlüsse, setzen aber sprachlich einen anderen Akzent.
| Begriff | Sprachlicher Ursprung | Schwerpunkt der ursprünglichen Bedeutung |
|---|---|---|
| Abitur | abire, „weggehen“ | Verlassen der Schule und Übergang |
| Matura | maturus, „reif“ | Erreichte Reife und Befähigung |
| Reifeprüfung | Deutsche Zusammensetzung | Nachweis der Bildungsreife |
Für Schülerinnen und Schüler ist diese Unterscheidung mehr als ein sprachliches Detail. Sie zeigt, dass ein Schulabschluss immer zwei Seiten hat: etwas wird beendet, und zugleich beginnt ein neuer Abschnitt. Genau diesen Übergang trägt das Wort Abitur bis heute in sich.
Wann wurde das Abitur zum staatlichen Bildungsabschluss?
Die Wortgeschichte und die Geschichte der Prüfung sind eng verbunden, aber nicht identisch. In Preußen gab es bereits Abiturreglements von 1788 und 1812. Im frühen 19. Jahrhundert wurde die Prüfung zunehmend zu einer verbindlichen Voraussetzung für den Zugang zur Universität.
Damit veränderte sich auch die gesellschaftliche Bedeutung des Begriffs. Aus einer gelehrten Bezeichnung für den Schulabgang wurde ein staatlich geregelter Nachweis der Studienvorbereitung. Die Prüfung sollte nicht mehr nur bestätigen, dass ein Schüler seine Schulzeit beendet hatte, sondern auch, dass er für ein wissenschaftliches Studium geeignet war.
Im Laufe der Zeit wurde das Abitur stärker vereinheitlicht. Lehrpläne, Prüfungsfächer und Bewertungsmaßstäbe veränderten sich mehrfach. Die genaue Ausgestaltung hängt in Deutschland bis heute vom jeweiligen Bundesland und von der Schulform ab. Die etymologische Bedeutung bleibt davon unberührt.
Welche Wörter mit Abitur verwandt sind
Rund um den Begriff hat sich eine ganze Wortfamilie gebildet. Einige Ausdrücke sind heute alltäglich, andere wirken historisch oder regional. Gerade an ihnen lässt sich erkennen, wie stark sich die Bedeutung vom einzelnen Schulabgang auf den gesamten Abschlussjahrgang ausgeweitet hat.
- Abiturient: eine Person, die das Abitur ablegt oder gerade abgelegt hat.
- Abiturientin: die weibliche Form von Abiturient.
- Abiturprüfung: die eigentliche Prüfung am Ende der gymnasialen Oberstufe.
- Abiturzeugnis: das Dokument, das den Abschluss und die allgemeine Hochschulreife bestätigt.
- Abi: die umgangssprachliche Kurzform von Abitur.
- Abituria: eine ältere Bezeichnung für einen Abiturjahrgang oder eine entsprechende Schülerverbindung.
Ein häufiger Fehler besteht darin, „Abitur“, „Abiturprüfung“ und „Abiturzeugnis“ gleichzusetzen. Ich würde sie klar trennen: Die Prüfung ist der Vorgang, das Abitur bezeichnet den Abschluss, und das Zeugnis ist der schriftliche Nachweis darüber.
Auch „Abiturient“ ist nicht einfach ein anderes Wort für „Abiturzeugnis“. Gemeint ist immer die Person. Wer diese kleinen Unterschiede kennt, formuliert in Aufsätzen, Bewerbungen und schulischen Texten deutlich präziser.
Was die Wortherkunft für den heutigen Schulalltag erklärt
Die lateinische Herkunft macht verständlich, warum das Abitur sprachlich mit Bewegung und Übergang verbunden ist. Es geht nicht nur darum, eine bestimmte Punktzahl zu erreichen, sondern um den Wechsel von der Schule in Studium, Ausbildung oder Beruf.
Natürlich entscheidet die Etymologie nicht darüber, welche Fächer geprüft werden oder wie eine Abiturnote berechnet wird. Dafür gelten die aktuellen Regeln des jeweiligen Bundeslandes. Sie hilft aber dabei, Begriffe wie Hochschulreife, Reifeprüfung und Schulabgang sinnvoll auseinanderzuhalten.
Wenn ich Schülerinnen und Schülern die Wortgeschichte erkläre, bleibt meist genau dieses Bild hängen: Der Abiturient ist ursprünglich jemand, der „weggehen wird“. Das macht aus einem scheinbar trockenen Fremdwort eine kleine sprachliche Geschichte über Abschluss, Reife und Aufbruch.
Vom Schulabgang zum Aufbruch in die Zukunft
Die Herkunft des Wortes lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Abitur geht auf das lateinische „abire“ für „weggehen“ zurück und bezeichnete über gelehrte Zwischenformen zunächst den bevorstehenden Schulabgang.
Die heutige Bedeutung als Reifeprüfung und allgemeine Hochschulreife entstand erst durch die Entwicklung des modernen Bildungswesens. Wer den Begriff genauer betrachtet, erkennt deshalb beides zugleich: das Ende einer Schulzeit und den Beginn eines neuen Bildungswegs.