Sobald in einer Funktion eine Klammer in einer Potenz, einem Logarithmus oder einer trigonometrischen Funktion steckt, reicht die einfache Potenzregel oft nicht mehr aus. Die Kettenregel zeigt, wie du solche verketteten Funktionen zuverlässig ableitest, welche Rolle die innere und äußere Funktion spielen und wie du typische Fehler vermeidest. Ich erkläre die Methode mit klaren Schritten und mehreren Beispielen aus der Schulmathematik.
Mit diesen Schritten werden verkettete Funktionen übersichtlich
- Grundidee: Äußere Ableitung mit der inneren Ableitung multiplizieren.
- Erkennen: Die Funktion innerhalb der Klammer ist meist die innere Funktion.
- Vorgehen: Innere Funktion festlegen, außen ableiten, innen einsetzen und mit der inneren Ableitung multiplizieren.
- Wichtig: Die innere Ableitung darf nicht vergessen werden.
- Anwendung: Die Regel funktioniert auch zusammen mit Produkt-, Quotienten- und Summenregel.
Was die Kettenregel bei verketteten Funktionen leistet
Eine verkettete Funktion entsteht, wenn eine Funktion in eine andere eingesetzt wird. Allgemein sieht das so aus: f(x) = u(v(x)). Dabei bildet v(x) die innere Funktion, während u die äußere Funktion ist.
Die Ableitung lautet:
f'(x) = u'(v(x)) · v'(x)
In Worten bedeutet das: Du leitest zuerst die äußere Funktion ab, lässt den inneren Ausdruck dabei stehen und multiplizierst anschließend mit der Ableitung der inneren Funktion. Genau dieser zweite Faktor macht den entscheidenden Unterschied zur einfachen Potenzregel aus.
Ein einfaches Beispiel ist f(x) = (3x + 2)4. Die äußere Funktion ist die vierte Potenz, die innere Funktion lautet 3x + 2. Deshalb ergibt sich nicht nur 4(3x + 2)3, sondern zusätzlich der Faktor 3:
f'(x) = 4(3x + 2)3 · 3 = 12(3x + 2)3
Innere und äußere Funktion sicher erkennen
Beim Erkennen hilft ein kleiner gedanklicher Test. Frage dich, welcher Ausdruck zuletzt auf die Variable angewendet wird. Bei einer Potenz wird zuerst der Klammerausdruck berechnet und danach hoch vier genommen. Die Klammer ist also innen, die Potenz außen.
| Funktion | Innere Funktion | Äußere Funktion |
|---|---|---|
| (5x - 1)3 | v(x) = 5x - 1 | u(v) = v3 |
| sin(2x) | v(x) = 2x | u(v) = sin(v) |
| √(x2 + 4) | v(x) = x2 + 4 | u(v) = √v |
| e3x+1 | v(x) = 3x + 1 | u(v) = ev |
Ein häufiger Denkfehler ist, nur auf die Klammer zu schauen. Auch sin(2x), ln(x2 + 1) und ex² sind verkettete Funktionen, obwohl sie nicht wie eine klassische Potenz aussehen.
Ich empfehle, komplizierte Terme zunächst mit einer Ersatzvariable zu beschreiben. Bei (x2 + 4x - 1)5 setzt du beispielsweise v = x2 + 4x - 1. Dadurch wird sofort sichtbar, dass die äußere Funktion v5 lautet.
So gehst du bei der Ableitung Schritt für Schritt vor
Für die meisten Aufgaben reichen vier feste Schritte. Dieses Schema ist besonders hilfreich, wenn der Term auf den ersten Blick unübersichtlich wirkt.
- Innere Funktion bestimmen: Markiere den Ausdruck, der in der äußeren Funktion steckt.
- Äußere Funktion ableiten: Behandle den inneren Ausdruck zunächst wie eine Variable.
- Innere Funktion einsetzen: Ersetze die Hilfsvariable wieder durch den ursprünglichen Term.
- Innere Ableitung multiplizieren: Leite den inneren Ausdruck ab und setze ihn als zusätzlichen Faktor dahinter.
Beispiel mit einer Potenz
Gegeben ist f(x) = (2x2 - 3x + 1)4.
Die innere Funktion lautet v(x) = 2x2 - 3x + 1. Ihre Ableitung ist v'(x) = 4x - 3. Die äußere Funktion v4 hat die Ableitung 4v3.
Damit folgt:
f'(x) = 4(2x2 - 3x + 1)3 · (4x - 3)
Du kannst die Faktoren anschließend ausmultiplizieren, musst es aber nicht. Die nicht ausmultiplizierte Form zeigt meistens deutlicher, wie die Ableitung entstanden ist.
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Beispiel mit einer Wurzel
Eine Wurzel lässt sich als Potenz mit dem Exponenten 1/2 schreiben. Für g(x) = √(5x + 1) gilt also:
g(x) = (5x + 1)1/2
Die Ableitung der äußeren Funktion ist 1/2 · (5x + 1)-1/2. Die innere Ableitung beträgt 5. Deshalb erhältst du:
g'(x) = 5 / (2√(5x + 1))
Hier zeigt sich auch eine wichtige Einschränkung. Die Funktion ist im Bereich der reellen Zahlen nur für 5x + 1 ≥ 0 definiert, und an der Stelle 5x + 1 = 0 ist die angegebene Ableitung nicht definiert.
Trigonometrische und exponentielle Beispiele
Bei Sinus, Kosinus, Exponential- und Logarithmusfunktionen bleibt das Grundprinzip gleich. Du verwendest die bekannte Ableitung der äußeren Funktion und multiplizierst sie mit der Ableitung des inneren Arguments.
| Funktion | Äußere Ableitung | Innere Ableitung | Ergebnis |
|---|---|---|---|
| sin(3x2) | cos(3x2) | 6x | 6x · cos(3x2) |
| cos(4x - 1) | -sin(4x - 1) | 4 | -4sin(4x - 1) |
| ex²+2 | ex²+2 | 2x | 2x · ex²+2 |
| ln(2x + 5) | 1 / (2x + 5) | 2 | 2 / (2x + 5) |
Bei h(x) = sin(2x3) ist die innere Ableitung 6x2. Deshalb lautet das Ergebnis h'(x) = 6x2 · cos(2x3). Der Faktor 6x2 wird besonders häufig übersehen.
Mehrfach verschachtelte Funktionen werden von außen nach innen bearbeitet. Für p(x) = e(x²+1)³ brauchst du die Regel sogar zweimal. Zuerst entsteht der Faktor e(x²+1)³, danach 3(x2 + 1)2 und schließlich 2x:
p'(x) = 6x(x2 + 1)2 · e(x²+1)³
Solche Aufgaben wirken kompliziert, folgen aber immer derselben Kette. Ich schreibe bei verschachtelten Ausdrücken deshalb jeden Ableitungsschritt einzeln auf, statt mehrere Faktoren im Kopf zusammenzuziehen.
Typische Fehler und die passende Kontrolle
Der häufigste Fehler ist, die äußere Funktion korrekt abzuleiten, aber die innere Ableitung zu vergessen. Aus (4x + 1)3 wird dann fälschlich 3(4x + 1)2 statt 12(4x + 1)2.
Ebenso problematisch ist eine falsche Zuordnung. Bei (x2 + 1)5 ist nicht x2 die innere Funktion, sondern der gesamte Ausdruck x2 + 1. Die Klammer muss beim Ableiten der äußeren Funktion vollständig erhalten bleiben.
- Innere Ableitung fehlt: Prüfe, ob am Ende wirklich ein zusätzlicher Faktor steht.
- Falsche Klammer: Die gesamte Funktion im Inneren muss unverändert eingesetzt werden.
- Vorzeichenfehler: Bei cos(x) entsteht -sin(x), bei sin(x) dagegen cos(x).
- Produkt verwechselt: x2(3x + 1)4 ist zusätzlich ein Fall für die Produktregel.
- Zu frühes Ausmultiplizieren: Die Struktur geht dabei leicht verloren.
Nicht jede Klammer bedeutet automatisch eine Verkettung. Bei (x + 1)(x - 2) liegt ein Produkt zweier Funktionen vor. Hier brauchst du die Produktregel oder du multiplizierst zuerst aus. Bei (x + 1)4 liegt dagegen eine echte Verkettung vor.
Eine gute Kontrolle ist ein Vergleich mit einer einfachen Variante. Wenn du f(x) = (7x)4 ableitest, muss wegen der inneren Ableitung 7 ein entsprechender Faktor auftauchen. Fehlt er, ist die Rechnung unvollständig.
Wenn mehrere Ableitungsregeln zusammenkommen
In anspruchsvolleren Aufgaben wird die Kettenregel oft mit anderen Regeln kombiniert. Bei f(x) = x2(3x + 1)5 liegt ein Produkt vor, dessen zweiter Faktor zusätzlich verkettet ist.
Zuerst verwendest du die Produktregel:
f'(x) = 2x(3x + 1)5 + x2 · 5(3x + 1)4 · 3
Der Faktor 3 im zweiten Summanden kommt aus der inneren Ableitung von 3x + 1. Genau hier zeigt sich, dass die Regeln keine Gegenspieler sind. Sie werden je nach Struktur des Terms nacheinander und teilweise gleichzeitig eingesetzt.
Bei einem Bruch kann zusätzlich die Quotientenregel nötig sein. Eine systematische Reihenfolge hilft dann mehr als ein auswendig gelerntes Gesamtschema: erst die äußerste Struktur erkennen, anschließend die darin enthaltenen Funktionen weiter untersuchen.
Der Kontrollblick, der viele Rechenfehler verhindert
Bevor du das Ergebnis abgibst, prüfe drei Dinge. Erstens muss die äußere Ableitung stimmen. Zweitens muss die innere Funktion unverändert eingesetzt worden sein. Drittens muss der Faktor der inneren Ableitung vorhanden sein.
Wenn diese drei Punkte passen, ist die Rechnung in den meisten Schulaufgaben bereits solide. Ich lasse das Ergebnis nach Möglichkeit in einer strukturierten Form stehen, denn daran lässt sich leichter erkennen, ob jeder Bestandteil der ursprünglichen Funktion berücksichtigt wurde.
Merke dir als Kurzform deshalb nicht nur „außen ableiten“, sondern genauer: äußere Ableitung bilden, innere Funktion stehen lassen und mit der inneren Ableitung multiplizieren. Mit diesem Ablauf wird aus einer zunächst kompliziert wirkenden Verkettung eine überschaubare Folge kleiner Schritte.